4+4+4=?
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Mit diesem Gesetz werden zwei Hauptziele verfolgt, ein ökonomisches (die Sekundarstufe für das Kapital zu einer Quelle von billiger und kostenloser Arbeitskraft zu machen) und ein politisch/ideologisches (die Ausweitung der sunnitisch islamischen Erziehung).

 

01 April 2012 /Internationales Bulletin / Nr. 115 

Die AKP -Regierung strebt mit dem kurz 4+4+4 genannten „Gesetzesentwurf zur Änderung des Bildungsgesetzes Nr. 222 der Grundschuldbildung und Bildung sowie einiger weiterer Gesetze", den sie vom Parlament verabschieden lassen will, umfangreiche Änderungen des Bildungssystems an.
Dieses Gesetz, dessen religiöser/ideologischer Aspekt nach den intensive Diskussionen hervorrufenden Worten von Premierminister Erdogan: „wir wollen eine religiöse Generation heranziehen" in den Vordergrund trat, umfasst den ideologischen, politischen und insbesondere ökonomischen aktuellen Bedürfnissen des Kapitals, besonders des grünen Kapitals, entsprechenden Änderungen der Bildung.
Dieses Reformprojekt wurde das erste Mal im Jahr 2005 auf dem von der Gülen-Gemeinde organisierten 9. Abant Plattform Treffen vorgelegt. Der Rahmen des Gesetzes wurde auf dem 18. Nationalen Bildungsrat, der MEB Surasi, als Empfehlung angenommen, der von der AKP kontrollierten Gewerkschaft Egitim Bir-Sen - die durch das kreieren ihrer eigenen Kurden, ihrer eigenen Aleviten, ihrer eigenen Gewerkschafter und Arbeiter die Entwicklung gesellschaftlicher Kämpfe blockieren will - organisiert wurde. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Eile, die Premierminister Erdogan bei der Verabschiedung des Entwurfes an den Tag legt, auch daher rührt, dass er sich aufgrund der tiefen Gräben, die sich in der letzten Zeit zwischen ihm und der Gülen-Gemeinde aufgetan haben bemüht, die Initiative bei diesem Thema zu ergreifen, welches unter der islamischen Basis von Bedeutung ist.
Die vergleichbar umfangreichen Reformen und der Abbau des Rechtes auf Gesundheit der Arbeiter und Werktätigen, die die AKP-Regierung im Gesundheitsbereich mit dem Gesetz „Sozialversicherungsreform und Allgemeine Gesundheitsversicherung" anstrebt, sowie der als „falsches Gewerkschaftsgesetz", bekannte Gesetzesentwurf Nr. 4688, der die seit Jahren von den werktätigen Beamten geforderten gewerkschaftlichen Änderungen ignoriert, haben zusammen mit dem 4+4+4-Gesetz dazu geführt, dass allen voran die werktätigen Beamten aus dem Gesundheits- und Bildungssektor, die Schüler und Studenten sowie alle Arbeiter und Werktätigen mit zahlreichen Aktionen angefangen haben, sich zu wehren.
Das Gesetz 4+4+4 beinhaltet, dass unter dem Vorwand, die Schulpflicht von 8 auf 12 Jahre zu erhöhen, die Grundschule, die Sekundarschule und die Oberstufe zukünftig jeweils 4 Jahre umfassen sollen. Das Einschulungsalter wird von 72 Monaten auf 60 gesenkt. Der Satz „die Grundbildung an staatlichen Schulen ist kostenlos" wird aus dem die Grundbildung regelnden ursprünglichen Gesetz gestrichen. Nach den, den allgemeinen und grundlegenden Lehrplan beinhaltenden ersten vier Jahren beginnen unter dem Namen „Berufsorientierung" die Wahlfächer. Die Vorschulbildung wird überhaupt nicht erwähnt.
Mit diesem Gesetz werden zwei Hauptziele verfolgt, ein ökonomisches (die Sekundarstufe für das Kapital zu einer Quelle von billiger und kostenloser Arbeitskraft zu machen) und ein politisch/ideologisches (die Ausweitung der sunnitisch islamischen Erziehung).
Die Ankündigung der Regierung „wird werden die Anzahl der Berufsschulen um 65-70% erhöhen" weist darauf hin, dass die Berufsschulen, die sowieso schon fertig bereitstehen, um auf dem Weg der Praktikumsausbeutung dem Kapital kostenlose Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, noch weiter ausgeweitet werden sollen. Mit dem 4+4+4 werden die Berufsschulen systematisch zum Hauptpfeiler der Grundbildung gemacht. Diese Äußerungen der Regierung sind als ein Versprechen an das Kapital zu verstehen, den Kredit für das Projekt gab die EU und im Gegenzug dafür wird alle Art von billiger Arbeitskraft und insbesondere die Ausbeutung von Kinderarbeit legalisiert und ausgeweitet. Die 4+4+4-Reform beinhaltet zu diesem Thema folgendes: Der Schulbeginn wird auf fünf Jahre gesenkt, nach den ersten vier Jahren Grundbildung beginnt die „Berufsorientierung". Damit wird mit dem Schwerpunkt auf „berufsorientierende" Bildung ab 10 Jahren und der direkten Berufsbildung und Praktika-Ausbeutung ab 13-14 Jahren die Ausbeutung von Kinderarbeit als billige oder kostenlose Arbeitskraft gesetzlich legalisiert. Parallel dazu wird die Beschränkung im Berufsausbildungsgesetz, das bisher vorschrieb, dass in jedem Betrieb maximal einer von 10 Beschäftigten Praktikant sein durfte, aufgehoben und der Weg dafür freigemacht, dass die Ausbeutung kostenloser Arbeitskraft in Form von massenhaften Praktikumsplätzen systematisch durchgeführt werden kann.
Darüber hinaus wird unterstützt, dass ein bedeutender Teil der Berufsschulen direkt in organisierten Industriegebieten eingerichtet werden. Die Regierung, die erklärt „ich gebe für jeden Schüler einen bestimmten Betrag aus, deshalb werde ich Geschäftsleuten, die Schulen eröffnen Geld geben", plant, den Chefs für die Schulen, die direkt in den organisierten Ausbeutungsgebieten eröffnet werden, pro Schüler 1000 TL zu geben. Auf diese Weise werden drei Dinge mit einem Schlag erreicht: Betrieb (die Möglichkeit, als Wirtschaftsunternehmen fungierte Bildungseinrichtungen zu gründen), Arbeitskraft (während auf dem Wege des Praktikums direkt ausgebeutet wird werden gleichzeitig qualifizierte Kräfte für die Zukunft ausgebildet) und Kredite (dazu zahlt der Staat den Chefs auch noch Unterstützungen aus den Steuergeldern der Arbeiter und Werktätigen). So werden die Arbeiter dreifach ausgebeutet oder ausgenommen: als Arbeiter, als Konsument von Dienstleistungen (Bildung) und als Bürger (Steuerzahler). Es ist ebenfalls offensichtlich, dass der Gesetzesentwurf mit der Regelung, nach den ersten 4 Jahren ein „Fernstudium" zu ermöglichen, die obligatorische Bildung unter dem Namen, sie auf 12 Jahre auszuweiten faktisch auf 4 Jahre begrenzt und ein großer Teil der Schüler und Schülerinnen auch nicht auf die Berufsschulen gehen sondern von der Schule abgehen und in ausgelagerten Betrieben ausgebeutet werden wird.
Das Bildungsgesetz der AKP entspricht umfassend den Entwicklungsbedürfnissen vor allem der mittelgroßen Kapitalisten und des grünen Kapitals. Aber auf diesem Stand erfüllt es noch nicht die Forderung nach Arbeitskräften, die von TÜSIAD als „initiativreiche, konkurrierende, proaktive, an technologischen Entwicklungen interessierte, mindestens eine Fremdsprache sprechende, auf fortgeschrittenem Niveau Computer benutzende junge Arbeitergeneration" formuliert wurde. Die Widersprüche, die im Rahmen dieses Gesetzes zwischen der AKP und TÜSIAD entstanden sind, rühren im Wesentlichen daher. Das eigene Ar-Ge Projekt Fatih (Abkürzung von „Bewegung zur Erforschung der Möglichkeiten und Entwicklung der Technik in der Bildung", die gleichzeitig eine ideologische Bedeutung durch die Betonung des Namens des osmanischen Padischahs Fatih hat, der Istanbul der Byzanz abnahm) der AKP-Gülen Front bildet ebenfalls eine wichtige Säule der umfassenden Änderungen, die im Bildungsbereich geplant sind. Dadurch, dass das Projekt mit dem Gesetzesentwurf den Status des Vergaberechts öffentlicher Aufträge erhält, öffnen sich Tür und Tor riesiger Rentenspekulationen. Auf diese Weise wird das Bedürfnis des Kapitals nach qualifizierter Bildung und technologischer Unterstützung wieder von dem islamischen Kapital befriedigt. Das islamische Kapital verschafft sich dadurch einen großen Wettbewerbsvorteil.
Nicht nur Schüler und Eltern, auch die Lehrer büßen mit diesem Gesetz wichtige Rechte ein. Sobald das Gesetz in Kraft tritt, werden alle Lehrer, die die 5. Klasse unterrichten als „über der Norm" eingestuft. Außerdem führt der unzureichend vorbereitete Übergang, sprich die fehlende Ausbildung von genügend festangestellten Branchenlehrern durch das Bildungsministerium, zu einem System, das vor allem auf „Wahlfächern" und „Branchenfächern" beruht dazu, das Zehntausende Lehrer flexibel und auf Vertragsbasis beschäftigt werden.
Das zweite Hauptziel dieses Gesetzentwurfes betrifft seine ideologische Dimension. Vor allem der Besuch der islamischen Priesterseminare, der Imam Hatip Berufsschulen (IHL), deren Besuch zuvor als ein Element der Konflikte zwischen der Front der Armee und der AKP-Gülen-Front aus der Mittelschule herausgefallen war, als die Schulpflicht von 5 auf 8 Jahre erhöht wurde, ist nun bereits nach den ersten vier Jahren wieder möglich. Aber außerdem, zusätzlich zu den IHLs, wird der religiöse Unterricht auch in der allgemeinen Bildung zusätzlich zu dem obligatorischen Religionsunterricht durch Wahlfächer wie Koran, kanonisches Recht, arabisch, Werte und Normen ausgeweitet. Auch wenn die Regierung vorgibt, es werde auch Wahlmöglichkeiten für andere Religionen geben, so ist es offensichtlich, das aufgrund von Methoden wie des Fehlens jeglicher Voraussetzungen für entsprechende Lehrer, nur die sunnitisch-islamische Bildung ausgeweitet wird.
Allerdings führt es zu großen Illusionen, dass das Problem häufig als Konflikt zwischen Laizismus und Scharia dargestellt wird. Die angeblichen Diskussionen zwischen der eine religiöse Generation heranziehen wollenden AKP und der laizistischen CHP verbergen die Tatsache, dass die als „Symbol des Laizismus" geltende CHP während der ganzen Zeit der Republik die Partei ist, die die meisten Imam Hatip Schulen eröffnet hat und die „laizistische" Front der Armee den obligatorischen Religionsunterricht in den Lehrplan eingefügt hat. Zusammen damit ist klar, dass die ideologische Dimension des Gesetzes auch ein grundlegendes Ziel der AKP-Regierung ist. Die ideologische Dimension des Gesetzes beinhaltet auch die Vervielfachung des Sexismus in der Bildung. Einerseits wird das Einschulungsalter gesenkt, andererseits wird das Alter für den Beginn eines „Fernstudiums" gesenkt und dadurch die von islamischen Schichten häufig erwähnte Forderung erfüllt, die Mädchen früh von der Schule zu nehmen, sie zu verschleiern und zu verheiraten. Das wird dazu führen, dass die Zahl der Kinderbräute in unserem Land, in dem schon jetzt 33% aller heiratenden Frauen Kinder sind, explodiert. Auch im Rahmen der „Berufsorientierung" werden Mädchen zu Bereichen wie „Handarbeit, Handgeschicklichkeit, Kinderpflege, Hauswirtschaft- und Führung" ermutigt, was die sexistischen Aspekte des Bildungssystems ebenfalls vervielfacht.
Die Forderung nach Bildung in der Muttersprache, eine der Hauptforderung des kurdischen Volkes, wird mit „Wahlfach Kurdisch" links liegen gelassen.
Demokratische Organisationen wie KESK , Egitim-Sen und LÖB haben schon jetzt mit unzähligen Aktionen und Veranstaltungen das Gesetz auf die Tagesordnung gebracht. Der vereinigte Kampf aller Arbeiter und Werktätigen, die als Schüler und Studenten, Lehrer und Lehrkräfte sowie Eltern direkt von dem Bildungsproblem betroffen sind sowie des kurdischen Volk und der kurdischen Jugend, denen das Recht auf Bildung in der Muttersprache verweigert wird, könnte unter dem gemeinsamen Slogan „gleichberechtigte, kostenlose, wissenschaftliche Bildung in der Muttersprache", der auch seit Jahren eine demokratische Forderung und Parole der demokratischen alevitischen Bewegung in unserem Land gegen die Unterdrückung des ausschließlich sunnitischen Religionsunterrichtes ist, in naher Zukunft zu einem wichtigen Kampf gegen die Bildungsoffensive der AKP werden.

 

 

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01 April 2012 /Internationales Bulletin / Nr. 115 

Die AKP -Regierung strebt mit dem kurz 4+4+4 genannten „Gesetzesentwurf zur Änderung des Bildungsgesetzes Nr. 222 der Grundschuldbildung und Bildung sowie einiger weiterer Gesetze", den sie vom Parlament verabschieden lassen will, umfangreiche Änderungen des Bildungssystems an.
Dieses Gesetz, dessen religiöser/ideologischer Aspekt nach den intensive Diskussionen hervorrufenden Worten von Premierminister Erdogan: „wir wollen eine religiöse Generation heranziehen" in den Vordergrund trat, umfasst den ideologischen, politischen und insbesondere ökonomischen aktuellen Bedürfnissen des Kapitals, besonders des grünen Kapitals, entsprechenden Änderungen der Bildung.
Dieses Reformprojekt wurde das erste Mal im Jahr 2005 auf dem von der Gülen-Gemeinde organisierten 9. Abant Plattform Treffen vorgelegt. Der Rahmen des Gesetzes wurde auf dem 18. Nationalen Bildungsrat, der MEB Surasi, als Empfehlung angenommen, der von der AKP kontrollierten Gewerkschaft Egitim Bir-Sen - die durch das kreieren ihrer eigenen Kurden, ihrer eigenen Aleviten, ihrer eigenen Gewerkschafter und Arbeiter die Entwicklung gesellschaftlicher Kämpfe blockieren will - organisiert wurde. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Eile, die Premierminister Erdogan bei der Verabschiedung des Entwurfes an den Tag legt, auch daher rührt, dass er sich aufgrund der tiefen Gräben, die sich in der letzten Zeit zwischen ihm und der Gülen-Gemeinde aufgetan haben bemüht, die Initiative bei diesem Thema zu ergreifen, welches unter der islamischen Basis von Bedeutung ist.
Die vergleichbar umfangreichen Reformen und der Abbau des Rechtes auf Gesundheit der Arbeiter und Werktätigen, die die AKP-Regierung im Gesundheitsbereich mit dem Gesetz „Sozialversicherungsreform und Allgemeine Gesundheitsversicherung" anstrebt, sowie der als „falsches Gewerkschaftsgesetz", bekannte Gesetzesentwurf Nr. 4688, der die seit Jahren von den werktätigen Beamten geforderten gewerkschaftlichen Änderungen ignoriert, haben zusammen mit dem 4+4+4-Gesetz dazu geführt, dass allen voran die werktätigen Beamten aus dem Gesundheits- und Bildungssektor, die Schüler und Studenten sowie alle Arbeiter und Werktätigen mit zahlreichen Aktionen angefangen haben, sich zu wehren.
Das Gesetz 4+4+4 beinhaltet, dass unter dem Vorwand, die Schulpflicht von 8 auf 12 Jahre zu erhöhen, die Grundschule, die Sekundarschule und die Oberstufe zukünftig jeweils 4 Jahre umfassen sollen. Das Einschulungsalter wird von 72 Monaten auf 60 gesenkt. Der Satz „die Grundbildung an staatlichen Schulen ist kostenlos" wird aus dem die Grundbildung regelnden ursprünglichen Gesetz gestrichen. Nach den, den allgemeinen und grundlegenden Lehrplan beinhaltenden ersten vier Jahren beginnen unter dem Namen „Berufsorientierung" die Wahlfächer. Die Vorschulbildung wird überhaupt nicht erwähnt.
Mit diesem Gesetz werden zwei Hauptziele verfolgt, ein ökonomisches (die Sekundarstufe für das Kapital zu einer Quelle von billiger und kostenloser Arbeitskraft zu machen) und ein politisch/ideologisches (die Ausweitung der sunnitisch islamischen Erziehung).
Die Ankündigung der Regierung „wird werden die Anzahl der Berufsschulen um 65-70% erhöhen" weist darauf hin, dass die Berufsschulen, die sowieso schon fertig bereitstehen, um auf dem Weg der Praktikumsausbeutung dem Kapital kostenlose Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, noch weiter ausgeweitet werden sollen. Mit dem 4+4+4 werden die Berufsschulen systematisch zum Hauptpfeiler der Grundbildung gemacht. Diese Äußerungen der Regierung sind als ein Versprechen an das Kapital zu verstehen, den Kredit für das Projekt gab die EU und im Gegenzug dafür wird alle Art von billiger Arbeitskraft und insbesondere die Ausbeutung von Kinderarbeit legalisiert und ausgeweitet. Die 4+4+4-Reform beinhaltet zu diesem Thema folgendes: Der Schulbeginn wird auf fünf Jahre gesenkt, nach den ersten vier Jahren Grundbildung beginnt die „Berufsorientierung". Damit wird mit dem Schwerpunkt auf „berufsorientierende" Bildung ab 10 Jahren und der direkten Berufsbildung und Praktika-Ausbeutung ab 13-14 Jahren die Ausbeutung von Kinderarbeit als billige oder kostenlose Arbeitskraft gesetzlich legalisiert. Parallel dazu wird die Beschränkung im Berufsausbildungsgesetz, das bisher vorschrieb, dass in jedem Betrieb maximal einer von 10 Beschäftigten Praktikant sein durfte, aufgehoben und der Weg dafür freigemacht, dass die Ausbeutung kostenloser Arbeitskraft in Form von massenhaften Praktikumsplätzen systematisch durchgeführt werden kann.
Darüber hinaus wird unterstützt, dass ein bedeutender Teil der Berufsschulen direkt in organisierten Industriegebieten eingerichtet werden. Die Regierung, die erklärt „ich gebe für jeden Schüler einen bestimmten Betrag aus, deshalb werde ich Geschäftsleuten, die Schulen eröffnen Geld geben", plant, den Chefs für die Schulen, die direkt in den organisierten Ausbeutungsgebieten eröffnet werden, pro Schüler 1000 TL zu geben. Auf diese Weise werden drei Dinge mit einem Schlag erreicht: Betrieb (die Möglichkeit, als Wirtschaftsunternehmen fungierte Bildungseinrichtungen zu gründen), Arbeitskraft (während auf dem Wege des Praktikums direkt ausgebeutet wird werden gleichzeitig qualifizierte Kräfte für die Zukunft ausgebildet) und Kredite (dazu zahlt der Staat den Chefs auch noch Unterstützungen aus den Steuergeldern der Arbeiter und Werktätigen). So werden die Arbeiter dreifach ausgebeutet oder ausgenommen: als Arbeiter, als Konsument von Dienstleistungen (Bildung) und als Bürger (Steuerzahler). Es ist ebenfalls offensichtlich, dass der Gesetzesentwurf mit der Regelung, nach den ersten 4 Jahren ein „Fernstudium" zu ermöglichen, die obligatorische Bildung unter dem Namen, sie auf 12 Jahre auszuweiten faktisch auf 4 Jahre begrenzt und ein großer Teil der Schüler und Schülerinnen auch nicht auf die Berufsschulen gehen sondern von der Schule abgehen und in ausgelagerten Betrieben ausgebeutet werden wird.
Das Bildungsgesetz der AKP entspricht umfassend den Entwicklungsbedürfnissen vor allem der mittelgroßen Kapitalisten und des grünen Kapitals. Aber auf diesem Stand erfüllt es noch nicht die Forderung nach Arbeitskräften, die von TÜSIAD als „initiativreiche, konkurrierende, proaktive, an technologischen Entwicklungen interessierte, mindestens eine Fremdsprache sprechende, auf fortgeschrittenem Niveau Computer benutzende junge Arbeitergeneration" formuliert wurde. Die Widersprüche, die im Rahmen dieses Gesetzes zwischen der AKP und TÜSIAD entstanden sind, rühren im Wesentlichen daher. Das eigene Ar-Ge Projekt Fatih (Abkürzung von „Bewegung zur Erforschung der Möglichkeiten und Entwicklung der Technik in der Bildung", die gleichzeitig eine ideologische Bedeutung durch die Betonung des Namens des osmanischen Padischahs Fatih hat, der Istanbul der Byzanz abnahm) der AKP-Gülen Front bildet ebenfalls eine wichtige Säule der umfassenden Änderungen, die im Bildungsbereich geplant sind. Dadurch, dass das Projekt mit dem Gesetzesentwurf den Status des Vergaberechts öffentlicher Aufträge erhält, öffnen sich Tür und Tor riesiger Rentenspekulationen. Auf diese Weise wird das Bedürfnis des Kapitals nach qualifizierter Bildung und technologischer Unterstützung wieder von dem islamischen Kapital befriedigt. Das islamische Kapital verschafft sich dadurch einen großen Wettbewerbsvorteil.
Nicht nur Schüler und Eltern, auch die Lehrer büßen mit diesem Gesetz wichtige Rechte ein. Sobald das Gesetz in Kraft tritt, werden alle Lehrer, die die 5. Klasse unterrichten als „über der Norm" eingestuft. Außerdem führt der unzureichend vorbereitete Übergang, sprich die fehlende Ausbildung von genügend festangestellten Branchenlehrern durch das Bildungsministerium, zu einem System, das vor allem auf „Wahlfächern" und „Branchenfächern" beruht dazu, das Zehntausende Lehrer flexibel und auf Vertragsbasis beschäftigt werden.
Das zweite Hauptziel dieses Gesetzentwurfes betrifft seine ideologische Dimension. Vor allem der Besuch der islamischen Priesterseminare, der Imam Hatip Berufsschulen (IHL), deren Besuch zuvor als ein Element der Konflikte zwischen der Front der Armee und der AKP-Gülen-Front aus der Mittelschule herausgefallen war, als die Schulpflicht von 5 auf 8 Jahre erhöht wurde, ist nun bereits nach den ersten vier Jahren wieder möglich. Aber außerdem, zusätzlich zu den IHLs, wird der religiöse Unterricht auch in der allgemeinen Bildung zusätzlich zu dem obligatorischen Religionsunterricht durch Wahlfächer wie Koran, kanonisches Recht, arabisch, Werte und Normen ausgeweitet. Auch wenn die Regierung vorgibt, es werde auch Wahlmöglichkeiten für andere Religionen geben, so ist es offensichtlich, das aufgrund von Methoden wie des Fehlens jeglicher Voraussetzungen für entsprechende Lehrer, nur die sunnitisch-islamische Bildung ausgeweitet wird.
Allerdings führt es zu großen Illusionen, dass das Problem häufig als Konflikt zwischen Laizismus und Scharia dargestellt wird. Die angeblichen Diskussionen zwischen der eine religiöse Generation heranziehen wollenden AKP und der laizistischen CHP verbergen die Tatsache, dass die als „Symbol des Laizismus" geltende CHP während der ganzen Zeit der Republik die Partei ist, die die meisten Imam Hatip Schulen eröffnet hat und die „laizistische" Front der Armee den obligatorischen Religionsunterricht in den Lehrplan eingefügt hat. Zusammen damit ist klar, dass die ideologische Dimension des Gesetzes auch ein grundlegendes Ziel der AKP-Regierung ist. Die ideologische Dimension des Gesetzes beinhaltet auch die Vervielfachung des Sexismus in der Bildung. Einerseits wird das Einschulungsalter gesenkt, andererseits wird das Alter für den Beginn eines „Fernstudiums" gesenkt und dadurch die von islamischen Schichten häufig erwähnte Forderung erfüllt, die Mädchen früh von der Schule zu nehmen, sie zu verschleiern und zu verheiraten. Das wird dazu führen, dass die Zahl der Kinderbräute in unserem Land, in dem schon jetzt 33% aller heiratenden Frauen Kinder sind, explodiert. Auch im Rahmen der „Berufsorientierung" werden Mädchen zu Bereichen wie „Handarbeit, Handgeschicklichkeit, Kinderpflege, Hauswirtschaft- und Führung" ermutigt, was die sexistischen Aspekte des Bildungssystems ebenfalls vervielfacht.
Die Forderung nach Bildung in der Muttersprache, eine der Hauptforderung des kurdischen Volkes, wird mit „Wahlfach Kurdisch" links liegen gelassen.
Demokratische Organisationen wie KESK , Egitim-Sen und LÖB haben schon jetzt mit unzähligen Aktionen und Veranstaltungen das Gesetz auf die Tagesordnung gebracht. Der vereinigte Kampf aller Arbeiter und Werktätigen, die als Schüler und Studenten, Lehrer und Lehrkräfte sowie Eltern direkt von dem Bildungsproblem betroffen sind sowie des kurdischen Volk und der kurdischen Jugend, denen das Recht auf Bildung in der Muttersprache verweigert wird, könnte unter dem gemeinsamen Slogan „gleichberechtigte, kostenlose, wissenschaftliche Bildung in der Muttersprache", der auch seit Jahren eine demokratische Forderung und Parole der demokratischen alevitischen Bewegung in unserem Land gegen die Unterdrückung des ausschließlich sunnitischen Religionsunterrichtes ist, in naher Zukunft zu einem wichtigen Kampf gegen die Bildungsoffensive der AKP werden.